
Ein Jäger folgt einem Hirsch tief in den Wald. Stunde um Stunde, bis die Begleiter zurückbleiben und er allein ist. Dann steht das Tier still, wendet den Kopf — und zwischen dem Geweih leuchtet ein Kreuz.
So erzählt es die Legende. Die Geschichte des Mannes, um den es geht, ist eine andere. Sie ist nicht weniger bewegend, und sie ist in einem Punkt überraschend: Der berühmteste Jäger der Heiligengeschichte war wahrscheinlich gar kein Jäger.
Der christliche Ausgangspunkt
„Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.“
nach Psalm 42,2
Der Hirsch ist in der Bibel kein Jagdtier, sondern ein Bild für den Menschen, der dürstet. Vielleicht ist das der tiefere Grund, warum gerade dieses Tier in der Hubertuslegende steht: Nicht der Jäger verfolgt den Hirsch — die Sehnsucht verfolgt den Jäger.
Wer Hubertus wirklich war
Hubertus wird um das Jahr 655 geboren, nach der Überlieferung in Toulouse, als Angehöriger des fränkischen Hochadels. Er dient als Pfalzgraf am Hof König Theuderichs III. in Paris, muss fliehen und findet Aufnahme am Hof Pippins des Mittleren in Metz.
Er heiratet eine Fürstentochter aus Löwen. Nach der Überlieferung stirbt sie bei der Geburt ihres Sohnes Floribert — eines Sohnes, der später selbst Bischof von Lüttich werden wird.
Nach dem Tod seiner Frau legt Hubertus alle Ämter nieder. Etwa ab dem Jahr 695 lebt er sieben Jahre als Einsiedler in den Ardennen. Er pilgert nach Rom und wird dort zum Priester geweiht.
Um das Jahr 705 wird er Bischof von Tongern-Maastricht, als Nachfolger des heiligen Lambert. Er zieht durch die Ardennen, predigt in den Dörfern, tauft, gründet Kirchen — und wird bald der Apostel der Ardennen genannt.
Um 717/718 lässt er die Gebeine Lamberts, seines ermordeten Vorgängers, nach Lüttich überführen und verlegt den Bischofssitz dorthin. Über der Mordstelle entsteht die Kathedrale. Aus einem kleinen Ort wird so eine bedeutende Stadt: Lüttich verdankt ihm seinen Aufstieg.
Die Quellen beschreiben ihn als milden und vorausschauenden Bischof, der in einer Hungersnot viele Menschen rettete.
Hubertus stirbt am 30. Mai 727. Der Ort ist umstritten; die Überlieferung nennt Tervuren bei Brüssel, die neuere Forschung eher Voeren.
Warum dann der 3. November?
Weil es nicht sein Sterbetag ist.
Am 3. November 743 wurden seine Gebeine in Lüttich feierlich erhoben. Dieser Tag der Erhebung wurde zu seinem Gedenktag — der 30. Mai, sein Todestag, wird daneben regional bis heute begangen.
Eine Heiligsprechung im heutigen Sinn hat es nie gegeben. Hubertus wird verehrt, seit es Menschen gibt, die an sein Grab kamen — lange bevor es ein förmliches Verfahren dafür gab.
Die Legende vom Hirsch
Die bekannte Erzählung geht so: Es ist Karfreitag. In den Kirchen ist es still, die Menschen gedenken des Leidens Christi. Hubertus aber sattelt sein Pferd. Die Hunde bellen, das Horn erklingt.
Tief im Wald taucht ein Hirsch auf, größer und schöner als alle, die er je gesehen hat. Er folgt ihm, Stunde um Stunde, bis er ganz allein ist. Schließlich steht das Tier auf einer Lichtung still und wendet den Kopf. Zwischen seinem Geweih leuchtet ein Kreuz, hell wie die Sonne, und eine Stimme ruft ihn zur Umkehr.
Hubertus steigt vom Pferd. Seine Hände zittern. In der Legende gibt er die Jagd daraufhin auf.
Was an der Legende Legende ist
Diese Geschichte gehörte ursprünglich einem anderen. Sie wird seit der Spätantike vom heiligen Eustachius erzählt, der sich ebenfalls an einem Karfreitag auf der Jagd bekehrt.
Auf Hubertus übertragen wurde sie erst sehr spät: Die früheste Verbindung findet sich um 1440, bei der Stiftung des Hubertusordens, und verbreitet sich in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Das sind rund siebenhundert Jahre nach seinem Tod. Die ältesten Lebensbeschreibungen, die kurz nach 743 entstanden, wissen nichts von einem Hirsch.
In der Kunst tragen deshalb beide Heilige denselben Hirsch. Unterscheiden kann man sie an der Kleidung: Hubertus im Bischofsornat mit Mitra und Stab, Eustachius als römischer Offizier.
Das macht die Legende nicht wertlos. Es heißt nur: Sie erzählt nicht, was an einem bestimmten Karfreitag geschah, sondern was Menschen an Hubertus gesehen haben — einen, der im Wald etwas fand, das er nicht gesucht hatte.
Die Hubertusmessen im November
Hubertus ist einer der wenigen Heiligen, deren Tag in Deutschland und Österreich bis heute laut gefeiert wird.
Rund um den 3. November erklingen in vielen Kirchen die Jagdhörner: bei Hubertusmessen, die von Jagdhornbläsern musikalisch gestaltet werden. Jägerinnen und Jäger, Försterinnen und Förster danken darin für die Schöpfung und bitten um einen verantwortlichen Umgang mit ihr. Der Brauch in seiner heutigen Form ist jünger, als viele denken: Die Jagdhornbläser haben den 3. November erst in den 1950er Jahren als festen Termin für diese Messen aufgenommen.
Dazu kommen Hubertusfeiern der Jagdverbände mit der traditionellen Streckenlegung, bei denen das Jagdjahr beschlossen wird, und große Hubertusjagden am oder um den Hubertustag.
Im belgischen Saint-Hubert, wohin seine Gebeine im Jahr 825 gebracht wurden, werden an seinem Fest bis heute Pferde, Hunde und andere Tiere gesegnet.
Ältere Bräuche sind dagegen weitgehend Geschichte: das Hubertusbrot, das gesegnet und gegen Tollwut und Bisswunden gegessen wurde, oder der Hubertusschlüssel, ein glühend gemachter Schlüssel, mit dem man in manchen Kirchen Bisswunden ausbrannte.
Was uns Hubertus heute sagt
Man muss kein Jäger sein, um diese Geschichte zu verstehen. Hubertus selbst war ja vermutlich keiner.
Da ist ein Mann, der einen Verlust erlebt hat, den er nicht aushält, und der alles hinwirft: Amt, Hof, Stellung. Und der sieben Jahre in den Wald geht, ehe aus ihm jemand wird, der anderen hilft.
Das ist der Kern, ob der Hirsch nun historisch ist oder nicht: Mit unserem Schmerz dürfen wir zu Gott kommen. Aus dem Mann, der vor seiner Trauer davonlief, wurde einer, der sich dem Leid anderer zuwandte.
Und noch etwas sagt die Legende, das oft überlesen wird: Hubertus wird nicht zum Schutzpatron der Jagd, weil er so gern jagte. In der Erzählung gibt er die Jagd auf. Wer ihn heute anruft, bittet deshalb auch um Achtung vor dem, was uns anvertraut ist — Wald und Tiere eingeschlossen.
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Häufige Fragen
Wann ist der Gedenktag des heiligen Hubertus?
Am 3. November. Das ist nicht sein Sterbetag — er starb am 30. Mai 727 —, sondern der Tag, an dem seine Gebeine im Jahr 743 feierlich erhoben wurden. Der 30. Mai wird daneben regional weiter begangen.
War Hubertus wirklich Jäger?
Vermutlich nicht. Er war ein fränkischer Hofbeamter, der nach dem Tod seiner Frau Einsiedler, Priester und schließlich Bischof wurde. Die Jägerlegende wurde ihm erst im 15. Jahrhundert zugeschrieben.
Stimmt die Geschichte vom Hirsch mit dem Kreuz?
Sie ist Legende und ursprünglich die des heiligen Eustachius. Auf Hubertus übertragen wurde sie erstmals um 1440, rund siebenhundert Jahre nach seinem Tod.
Wofür ist der heilige Hubertus Patron?
Für Jäger, Förster, Schützen und Schützenbruderschaften, für die Jagdhunde, außerdem für Metzger, Kürschner, Büchsenmacher, Optiker und Glockengießer. Angerufen wurde er vor allem gegen Tollwut sowie gegen Hunde- und Schlangenbiss.
Was ist eine Hubertusmesse?
Ein Gottesdienst zu Ehren des heiligen Hubertus rund um den 3. November, musikalisch begleitet von Jagdhornbläsern. Jägerinnen, Jäger und Forstleute danken darin für die Schöpfung. Als fester Termin etabliert haben die Jagdhornbläser ihn in den 1950er Jahren.
Quellen
- Ökumenisches Heiligenlexikon (heiligenlexikon.de), Artikel Hubertus von Lüttich
- Hubertuslegende, Darstellung der Übertragung von Eustachius auf Hubertus
- Bayerischer Jagdverband, Informationen zu Hubertustag und Hubertusmessen
- Bibel: Lutherbibel 1912
Zum Weiterlesen
- Wolfgang von Regensburg — der Bischof, der sein Beil vom Berg warf
- Karl Borromäus — der Bischof, der in der Pest blieb
- Allerheiligen und Allerseelen — zwei Tage, zwei Bedeutungen
