Stellen Sie sich vor, Sie tragen denselben Namen wie der bekannteste Verräter der Weltgeschichte. Jahrhundertelang haben Christen Judas Thaddäus deshalb gemieden, ihn kaum angerufen, sein Fest beinahe übersehen. Und gerade deshalb, so sagt man, wandten sich irgendwann diejenigen an ihn, die sonst niemanden mehr hatten.

Am 28. Oktober gedenken die katholische und die evangelische Kirche zweier Apostel, über die die Bibel nur wenig erzählt: Simon, genannt der Eiferer, und Judas Thaddäus. Zwei stille Männer aus dem Zwölferkreis, die ihr Leben ganz an Jesus gehängt haben. Unser Video erzählt ihre Geschichte, und hier erfahren Sie, was Bibel und Überlieferung über sie berichten.

Das ganze Hörspiel auf YouTube ansehen

Der christliche Ausgangspunkt

Herr, was bedeutet es, dass du dich uns offenbaren willst und nicht der Welt? Jesus antwortete: Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.

nach Johannes 14,22–23

Es ist die einzige Frage, die das Neue Testament von Judas Thaddäus überliefert. Sie klingt fast enttäuscht: Warum zeigst du dich nicht allen, mit Macht und Glanz? Jesus antwortet nicht mit einem Spektakel, sondern mit Nähe. Gott kommt nicht wie ein Feldherr, sondern wohnt im Herzen dessen, der liebt. Diese Antwort trägt bis heute.

Zwei Männer am See Genezareth

In den Apostellisten der Evangelien stehen Simon und Judas meist am Ende, gleich nebeneinander. Simon wird „der Kananäer“ oder „der Zelot“ genannt, beides bedeutet der Eiferer. Vielleicht gehörte er zu jenen jüdischen Kreisen, die leidenschaftlich für die Freiheit Israels von Rom kämpften. Vielleicht beschreibt der Name einfach seinen glühenden Eifer für Gottes Gesetz. Sicher ist: Ein Mann voller Feuer fand bei Jesus eine neue Richtung für seine Leidenschaft.

Judas wird bei Lukas „Judas, Sohn des Jakobus“ genannt, bei Markus und Matthäus erscheint an derselben Stelle der Name Thaddäus. Die Tradition hat beide Namen zu einer Person verbunden. Beide Männer erlebten, was die anderen Jünger erlebten: die Predigten am See, die Heilungen, die Nächte unterwegs, das Staunen und das Nichtverstehen.

Jesus spricht mit seinen Jüngern am Ufer des Sees Genezareth

Die Frage beim Abendmahl

Im Johannesevangelium sitzt Judas Thaddäus mit am Tisch des letzten Abendmahls. Der Evangelist macht sich die Mühe, eigens hinzuzufügen: „nicht der Iskariot“. Schon damals war also klar, wie leicht man die beiden verwechseln konnte. Seine Frage zeigt einen Menschen, der ehrlich ringt und sich traut, das auszusprechen, was andere nur denken.

Dem Judas Thaddäus wird außerdem der kurze Judasbrief im Neuen Testament zugeschrieben. Ob er ihn selbst geschrieben hat, wird in der Forschung unterschiedlich beurteilt. Der Brief ermutigt Christen, am überlieferten Glauben festzuhalten, und endet mit einem der schönsten Lobpreise der Bibel, an den Gott, „der euch vor dem Straucheln behüten kann“.

Beim Abendmahl stellt Judas Thaddäus Jesus seine Frage

Mission bis nach Persien

Nach Pfingsten verliert sich die Spur der beiden im Neuen Testament. Was folgt, ist Überlieferung. Die westliche Tradition erzählt, dass Simon und Judas gemeinsam nach Osten zogen, durch Syrien und Mesopotamien bis nach Persien. Dort sollen sie gepredigt, Kranke besucht und Gemeinden gegründet haben, und dort sollen sie auch gemeinsam den Märtyrertod erlitten haben. Deshalb feiert die Westkirche sie an einem gemeinsamen Tag.

Auf Bildern trägt Simon oft eine Säge, Judas Thaddäus eine Keule oder ein Beil, Zeichen ihres Martyriums nach der Legende. Judas wird zudem häufig mit einem Medaillon mit dem Antlitz Christi dargestellt. Andere Überlieferungen, besonders in der Ostkirche, erzählen von anderen Missionswegen. Teile ihrer Reliquien werden im Petersdom in Rom verehrt.

Die Apostel Simon und Judas Thaddäus predigen auf einem orientalischen Markt

Der Patron in aussichtslosen Anliegen

Warum ausgerechnet Judas Thaddäus zum Helfer in verzweifelten Lagen wurde, lässt sich nicht genau datieren. Eine gängige Erklärung lautet: Weil kaum jemand ihn wegen seines Namens anrief, wandten sich die Menschen an ihn, wenn alle anderen Wege versagt hatten. Im 19. und 20. Jahrhundert breitete sich diese Verehrung stark aus, besonders in Amerika, und bis heute brennen in vielen Kirchen Kerzen vor seinem Bild.

Simon dagegen ist der Stille im Hintergrund. Gerade das macht ihn sympathisch: Er erinnert daran, dass Treue nicht laut sein muss.

Buntglasfenster mit den Aposteln Simon und Judas Thaddäus

Was uns Simon und Judas Thaddäus heute sagen

Vielleicht tragen auch Sie etwas mit sich, das Sie in den Augen anderer kleiner macht. Einen Ruf, einen Fehler, eine Herkunft. Judas Thaddäus zeigt, dass Gott Sie nicht nach dem Etikett beurteilt, das andere Ihnen aufkleben. Und Simon zeigt, dass Leidenschaft nicht ausgelöscht, sondern verwandelt wird, wenn sie Christus begegnet.

Beide stehen für die vielen Menschen, deren Namen kaum jemand kennt und deren Glaube doch die Welt verändert hat. Wenn Ihnen gerade etwas aussichtslos erscheint, dürfen Sie es so ehrlich aussprechen wie Judas beim Abendmahl. Welche Frage würden Sie Jesus heute stellen, wenn Sie mit ihm am Tisch säßen?

Christus im Mittelpunkt der Gebetszeit

Das Zeugnis der Apostel weist auf Christus. Für einen festen Gebetsplatz entdecken Sie das byzantinische Ikonen-Set mit Christus und der Gottesmutter von Kasan. Das Ikonenkreuz aus Holz mit sechs Ikonen ist eine passende Alternative für die Wand. Beide können das persönliche Gebet im Alltag begleiten.

Ikonen-Set ansehen und kaufen Ikonenkreuz entdecken

Eine Frage für das eigene Gebet

Sie können die Frage des Judas als Einladung verstehen, im Gebet ehrlich zu werden. Schreiben Sie einen Satz auf, der Sie gerade beschäftigt. Er darf offen bleiben; Sie müssen weder eine überzeugende Antwort noch die richtigen religiösen Worte finden. Lesen Sie anschließend Johannes 14,22–23 in Ihrer Bibel und achten Sie darauf, welches Wort Ihnen nahekommt.

Wenn Sie einer Tradition angehören, in der die Fürbitte von Heiligen vertraut ist, können Sie diesen Brauch einbeziehen. Wenn Sie unmittelbar zu Gott beten, ist ebenso Raum dafür. Gemeinsam lässt sich über Treue, Hoffnung und den Umgang mit vorschnellen Urteilen nachdenken. Ein Name oder ein Ruf erzählt nie die ganze Geschichte eines Menschen. Vielleicht führt dieser Gedanke heute zu einer Begegnung, in der Sie genauer zuhören, bevor Sie sich ein Urteil bilden.

Häufige Fragen

Wann ist der Gedenktag von Simon und Judas Thaddäus?

Die katholische und die evangelische Kirche feiern beide gemeinsam am 28. Oktober. In der orthodoxen Kirche wird Judas Thaddäus am 19. Juni und Simon der Zelot am 10. Mai gefeiert.

Wofür ist Judas Thaddäus Patron?

Er gilt als Patron in schwierigen und scheinbar aussichtslosen Anliegen. Viele Gläubige wenden sich an ihn, wenn sie nicht mehr weiterwissen.

Ist Judas Thaddäus derselbe wie Judas Iskariot?

Nein. Das Johannesevangelium unterscheidet ausdrücklich: „Judas, nicht der Iskariot“. Judas Thaddäus blieb Jesus treu und gilt als Apostel und Märtyrer.

Was bedeutet „Simon der Zelot“?

Zelot bedeutet Eiferer. Der Beiname beschreibt Simons leidenschaftlichen Eifer, möglicherweise auch seine Nähe zu einer jüdischen Freiheitsbewegung.

Wo liegen die Reliquien der beiden Apostel?

Nach der Überlieferung werden Teile ihrer Reliquien im Petersdom in Rom verehrt. Auch andere Kirchen, etwa in Toulouse, beanspruchen Reliquien.

Quellen

  • Bibel: Lutherbibel 1912, Johannes 14,22–23; Lukas 6,15–16; Judasbrief
  • Ökumenisches Heiligenlexikon (heiligenlexikon.de), Artikel „Simon der Zelot“ und „Judas Thaddäus“
  • Martyrologium Romanum, 28. Oktober
  • Vatican News, Heiligenkalender

Weiterlesen

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Vertrag widerrufen