
Ein junger Mann am Hof des Frankenkönigs darf sich etwas wünschen. Er könnte um ein Amt bitten, um Land, um Waffen.
Er bittet darum, Gefangene besuchen und freilassen zu dürfen.
Der christliche Ausgangspunkt
„Ich bin gefangen gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.“
nach Matthäus 25,36
Jesus zählt in dieser Rede auf, woran sich am Ende alles entscheidet: Hunger, Durst, Fremdsein, Nacktheit, Krankheit — und das Gefängnis. Der Besuch bei einem Gefangenen steht in dieser Liste gleichberechtigt neben dem Brot für den Hungernden.
Leonhard hat diese Liste offenbar wörtlich genommen.
Was wir sicher wissen — und was Legende ist
Hier muss man ehrlich sein. Leonhard soll um 500 geboren und um 559 gestorben sein, doch seine Lebensbeschreibung wurde erst um das Jahr 1030 aufgeschrieben — rund fünfhundert Jahre später.
Dazu kommt ein beredtes Schweigen: Gregor von Tours und Venantius Fortunatus, die das Frankenreich des 6. Jahrhunderts genau beschreiben, erwähnen ihn mit keinem Wort. Und die Legende selbst gerät in Widerspruch — sie stellt ihn an den Hof Chlodwigs, der aber 511 starb, als Leonhard etwa elf Jahre alt gewesen wäre. Gemeint ist eher dessen Sohn Chlothar.
Sein Grab ist ab 1010 bezeugt, das Stift in Noblat wurde 1105 gegründet. Gesichert ist also die Verehrung ab dem frühen 11. Jahrhundert. Seine Existenz gilt als „nicht gesichert, aber eher wahrscheinlich“. Sicher ist: In Noblat im Limousin entstand ein Kloster, und seit dem 11. Jahrhundert breitete sich von dort aus eine Verehrung aus, die in ganz Europa ankam. Alles Weitere ist Überlieferung — und als solche erzählen wir sie hier.
Die Bitte an den König
Die Legende setzt Leonhard an den Hof der fränkischen Könige. Der König selbst sei sein Taufpate gewesen, unterwiesen habe ihn der heilige Remigius, der Bischof von Reims.
Leonhard hätte alles haben können. Stattdessen bittet er um das Recht, Gefangene zu besuchen und, wo er es für richtig hält, freizulassen.
Der König staunt und gewährt es. Leonhard steigt hinab in die Kerker. Er bringt Brot, er spricht mit den Männern, er betet mit ihnen. Mancher sieht nach Jahren zum ersten Mal wieder Tageslicht.
Der Einsiedler im Wald
Als man ihn zum Bischof machen will, lehnt er ab. Er bleibt zeitlebens Diakon — weder Bischof noch Abt, auch wenn ihn die Kunst später mit Abtsstab und Benediktinerhabit zeigt. Er geht zuerst in das Kloster Micy bei Orléans, dann als Einsiedler in den Wald von Pauvain bei Limoges.
Dort, so erzählt die Legende weiter, jagt eines Tages der König mit seinem Gefolge. Die Königin ist dabei und erwartet ein Kind. Mitten im Wald setzen die Wehen ein, niemand weiß weiter — da tritt der Einsiedler aus dem Dickicht, und das Kind kommt gesund zur Welt.
Aus Dankbarkeit schenkt der König ihm so viel Land, wie er in einer Nacht auf seinem Esel umreiten kann. Dort entsteht ein Kloster, und daraus wächst der Ort, der bis heute seinen Namen trägt: Saint-Léonard-de-Noblat.
Die Ketten
Dann beginnen die Geschichten, die durch ganz Europa wandern. Gefangene rufen in ihrer Not seinen Namen — und ihre Ketten fallen ab. Die Befreiten pilgern nach Noblat und legen das Eisen am Grab nieder.
Einen wirklichen Schub bekommt seine Verehrung im Jahr 1103: Bohemund von Tarent, einer der bekanntesten Kreuzfahrer seiner Zeit, kommt aus türkischer Gefangenschaft frei. Drei Jahre später pilgert er selbst nach Noblat und dankt dem heiligen Leonhard. Von da an verbreitet sich sein Name rasch — bis nach Bayern.
Manche Leonhardikirchen tragen bis heute eine geschmiedete Kette um ihre Mauern — manche nur am 6. November, manche das ganze Jahr. Die älteste dauerhafte stammt aus der Zeit um 1480, an der Pfarrkirche St. Leonhard im Lavanttal.
Vom Helfer der Gefangenen zum Patron der Pferde
In Bayern und Österreich geschieht dann etwas Eigenes. Aus dem Helfer der Gefangenen wird auch der Helfer der Bauern, des Viehs und vor allem der Pferde.
Der Weg dorthin führt über ein Missverständnis, und zwar über das Eisen: Die Kette in seiner Hand meinte ursprünglich die Fessel des Gefangenen. Später las man sie als Viehkette — und aus dem Helfer der Gefangenen wurde der Helfer im Stall. Mit Pferden und Ochsen wird er erst ab dem 17. Jahrhundert dargestellt. Mancherorts heißt er deshalb schlicht der Bauernherrgott oder der bayerische Herrgott. Er zählt zu den Vierzehn Nothelfern, und seine Verehrung erreichte im 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt.
Rund um den 6. November ziehen bis heute in vielen Orten geschmückte Pferde und festlich bemalte Wagen zur Leonhardifahrt. Über fünfzig solcher Wallfahrten bestehen noch; früher waren es mehr als hundertfünfzig.
Nicht alle fallen auf den 6. November: Bad Tölz, Kreuth und Murnau fahren am Tag selbst, Benediktbeuern am nächstgelegenen Sonntag, Inchenhofen am ersten Sonntag im November, manche österreichischen Orte schon im Oktober.
Und ein Wort ist wichtig: Die Tiere werden gesegnet, nicht geweiht. „Pferdeweihe“ liest man oft, es ist aber falsch.
Die größte ist die Tölzer Leonhardifahrt. Die Leonhardikapelle auf dem Kalvarienberg wurde 1718 geweiht, die erste Fahrt ist für den 6. November 1772 belegt, und in ihrer heutigen Form gibt es sie seit 1856. Rund achtzig vierspännige Truhenwagen und viele Reiter ziehen hinauf, begleitet von Blasmusik; am Ziel umrunden sie die Kapelle, und der Pfarrer segnet Ross und Reiter. Der älteste erhaltene Wagen stammt von 1785. Seit 2016 steht die Fahrt im bayerischen und im bundesweiten Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes.
Die älteste ist die von Kreuth am Tegernsee, erstmals 1442 erwähnt. In Murnau ziehen über dreihundert geschmückte Pferde nach Froschhausen, in Benediktbeuern werden im Klosterhof rund zweihundertdreißig Pferde gesegnet. Inchenhofen war im Mittelalter der bedeutendste deutsche Leonhardsort — im 14. Jahrhundert nannte man ihn in einem Atemzug mit Rom und Santiago de Compostela.
Es ist einer der letzten großen Bräuche, in denen Tiere ganz selbstverständlich in den Segen hineingenommen werden.
Eine dunkle Seite des Patronats
Leonhard wurde auch gegen Geisteskrankheiten angerufen — und das hatte eine Praxis zur Folge, die man kennen sollte.
Bis ins 18. Jahrhundert hinein wurden psychisch kranke Menschen in manchen seiner Kirchen tatsächlich angekettet, in der Hoffnung auf Heilung durch die Nähe des Kettenheiligen. Was als Fürbitte gemeint war, war für die Betroffenen Gefangenschaft.
Es gehört zu diesem Heiligen dazu: Der Patron der Gefangenen hat, ohne es zu wollen, Menschen in Ketten gebracht.
Was uns Leonhard heute sagt
Die Ketten in der Legende sind Eisen. Die Ketten, die Menschen heute tragen, sind oft anderer Art: eine Schuld, eine Sucht, eine Angst, eine Situation, aus der man allein nicht herauskommt.
Das Bemerkenswerte an Leonhard ist nicht, dass Ketten abfielen. Es ist, dass er hinabgestiegen ist — dorthin, wo später, in seinem eigenen Namen, andere angekettet wurden. Er hat die Gefangenen nicht aus der Ferne bedacht, sondern ist zu ihnen gegangen, dorthin, wo niemand freiwillig hingeht.
Vielleicht gibt es jemanden, für den Sie heute beten möchten — jemanden, der gerade nicht herauskommt.
Ein Zeichen für die Fürbitte zu Hause
Fürbitte braucht keinen besonderen Ort. Aber es hilft vielen, einen zu haben: ein Kreuz an der Wand, eine Ikone, eine Kerze, die man für einen bestimmten Menschen anzündet.
Bei uns finden Sie Kruzifixe und Kreuze und Ikonen für genau diesen Platz. Wie Sie ihn einrichten, beschreiben wir in unserem Beitrag zur Gebetsecke zu Hause.
Häufige Fragen
Wann ist der Gedenktag des heiligen Leonhard?
Am 6. November. Die Leonhardifahrten und Leonhardiritte finden an diesem Tag oder am Wochenende davor beziehungsweise danach statt.
Wofür ist der heilige Leonhard Patron?
Zuerst und ursprünglich für die Gefangenen — er ist der Kettenheilige. Dazu für Gebärende, für Bauern, für das Vieh und besonders für die Pferde, für Stallungen und Fuhrleute, für Schmiede, Schlosser, Küfer und Bergleute; angerufen wird er auch gegen Kopfschmerzen. In Bayern gilt er als einer der beliebtesten Heiligen überhaupt.
Was ist eine Leonhardifahrt?
Eine festliche Wallfahrt mit geschmückten Pferden und bemalten Wagen zu einer Leonhardikirche oder -kapelle, mit Gottesdienst und anschließender Pferdesegnung. „Fahrt“ meint eigentlich den Zug der Wagen, „Ritt“ den der Reiter; meist ist beides zusammen gemeint. Über fünfzig gibt es heute noch, die größte in Bad Tölz.
Warum hängen Ketten an Leonhardikirchen?
Nach der Legende fielen Gefangenen, die ihn anriefen, die Ketten ab; sie brachten das Eisen als Dank an sein Grab. Daraus wurde das Bildzeichen des Heiligen — und an manchen Kirchen eine Kette um die Mauer.
Ist die Legende historisch belegt?
Nein. Seine Vita wurde erst um 1030 aufgeschrieben, etwa fünfhundert Jahre nach seiner vermuteten Lebenszeit, und die Geschichtsschreiber des 6. Jahrhunderts kennen ihn nicht. Gesichert ist die Verehrung ab dem frühen 11. Jahrhundert, nicht der Lebenslauf.
Hat Leonhard einen germanischen Gott ersetzt?
Nein. Diese These stammt von einem Historiker des Jahres 1895 und gilt heute als widerlegt: Seine volkstümliche Verehrung entwickelte sich nachweislich erst im späten Mittelalter.
Quellen
- Ökumenisches Heiligenlexikon (heiligenlexikon.de), Artikel Leonhard von Noblat
- Universität Innsbruck, Datenbank „Feste und Bräuche“: Umritte und Leonhardifahrten
- H. Alzheimer, Artikel „Leonardo – Leonhard“ (Universität Bamberg)
- Martyrologium Romanum, Eintrag zum 6. November
- Bibel: Lutherbibel 1912
Zum Weiterlesen
- Zacharias und Elisabeth — die Stunde des Weihrauchs
- Karl Borromäus — der Bischof, der in der Pest blieb
- Allerheiligen und Allerseelen — zwei Tage, zwei Bedeutungen
