Zum Inhalt springen

Kostenloser Versand in Deutschland

Karl Borromäus: Der Bischof, der in der Pest blieb

Im Sommer 1576 erreicht die Pest Mailand. Die Märkte leeren sich, die Häuser werden verschlossen. Wer kann, verlässt die Stadt — auch der spanische Statthalter.

Der Erzbischof ist zu diesem Zeitpunkt gar nicht da. Er ist in Lodi, bei der Beerdigung eines Mitbruders. Als ihn die Nachricht erreicht, kehrt er um.

Der christliche Ausgangspunkt

„Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte läßt sein Leben für seine Schafe.“

nach Johannes 10,11

Dieser Satz ist im Fall des Karl Borromäus keine Redewendung. Er beschreibt eine Entscheidung, die er an einem bestimmten Tag getroffen hat, mit dem Wissen, dass sie ihn das Leben kosten konnte.

Ein Leben, dem die Welt offenstand

Karl wird am 2. Oktober 1538 auf einer Burg über dem Lago Maggiore geboren, in Arona, als Sohn der mächtigen Familie Borromeo. Reichtum, Einfluss, Paläste — ihm steht alles offen.

Sein Onkel wird 1559 als Pius IV. zum Papst gewählt. Mit einundzwanzig Jahren ist Karl Kardinal in Rom und führt die Geschäfte der Kirchenleitung. Er arbeitet Tag und Nacht.

Von Rom aus hilft er, das Konzil von Trient zu Ende zu führen — die große Versammlung, die die katholische Kirche nach der Reformation neu ordnete. Eine ihrer Forderungen lässt ihn nicht mehr los: Ein Bischof gehört zu seinen Menschen, nicht an den Hof.

Er zieht nach Mailand

Am 23. September 1565 hält er feierlich Einzug in Mailand. Ab 1566 lebt er ganz dort — als einer der ersten Bischöfe seiner Zeit, die das wirklich tun.

Er besucht die Pfarreien bis hinauf in die Bergtäler, viele zum ersten Mal seit Menschengedenken. Er gründet Seminare für die Ausbildung der Priester. Er kümmert sich um Arme und Kranke.

Sein eigenes Leben wird dabei immer einfacher: wenig Schlaf, einfaches Essen, viel Gebet. Der Mann, der mit einundzwanzig Jahren über Paläste verfügte, lebt mit vierzig wie ein Mönch.

Die Pest von 1576

Dann kommt der Sommer, der in Mailand bis heute einen Namen hat.

Am 11. August 1576 wird die Seuche amtlich festgestellt. Karl kehrt in die Stadt zurück. Er geht in die Lazarette vor den Toren, segnet die Kranken, hört Beichte an den Türen, bleibt bei den Sterbenden. Er sammelt Priester und Helfer, organisiert Brot, Kleidung und Pflege, lässt vor den Mauern Hütten für die Kranken bauen und verkauft, was ihm gehört — bis hin zu den Vorhängen des erzbischöflichen Palastes, aus denen Tücher für die Kranken werden.

Am 9. September 1576 macht er sein Testament. Er weiß, dass er sterben kann. Er bleibt trotzdem.

Am 15. Oktober 1576 wird auf seinen Vorschlag hin eine allgemeine Quarantäne für alle Einwohner verhängt. Weil nun niemand mehr zur Kirche kommen kann, lässt er an den Straßenkreuzungen der Stadt Kreuze und Altäre aufstellen. Der Gottesdienst wird unter freiem Himmel gefeiert, und die Familien beten an ihren Fenstern mit. Wer nicht zur Messe kommen kann, dem kommt die Messe entgegen.

Im Oktober 1576 führt er Bußprozessionen vom Dom durch die Straßen — barfuß und mit einem Strick um den Hals, wie ein Verurteilter. In der ersten verletzt er sich den Fuß an einem Eisengitter und geht blutend weiter. Wie viele es waren, geben die Quellen unterschiedlich an: drei, nach anderen vier. Er lebt in dieser Zeit von Brot und Wasser.

Erst am 20. Januar 1578 wird die Stadt für seuchenfrei erklärt. In etwa anderthalb Jahren sind über siebzehntausend Menschen gestorben, rund fünfzehn Prozent der Einwohner. Die Mailänder haben es nicht vergessen: Sie nennen diese Zeit bis heute die peste di San Carlo, die Pest des heiligen Karl.

Ein kurzes Leben

Karl Borromäus stirbt am 3. November 1584, erschöpft, mit sechsundvierzig Jahren — nicht an der Pest, sondern an einem Fieber, dem sein ausgezehrter Körper nichts mehr entgegenzusetzen hatte. 1602 wird er seliggesprochen, am 1. November 1610 heiliggesprochen. Sein Gedenktag ist der 4. November, der Tag nach seinem Todestag.

In Mailand ruht er in der Krypta des Doms. Über seinem Geburtsort Arona steht eine begehbare Kolossalstatue aus Kupfer, der Carlone — dreiundzwanzig Meter hoch, begonnen 1624 und 1697 vollendet. Bis zur Münchner Bavaria von 1850 war sie die höchste begehbare Statue der Welt.

Was in den Heiligenbildern nicht steht

Zu einem ehrlichen Bild gehört auch das, was die frommen Lebensbeschreibungen gewöhnlich weglassen.

Ab November 1583 war Karl Borromäus als päpstlicher Visitator in der Schweiz unterwegs, auch in Graubünden. Im Misox, dem Misoxtal, lebten damals viele Menschen, die sich der Reformation angeschlossen hatten. Als Visitator durfte er sie nicht wegen ihres Glaubens vor Gericht stellen. Er ließ sie stattdessen der Hexerei anklagen.

Von hundertacht Angeklagten wurden elf von der weltlichen Obrigkeit verbrannt; die übrigen kehrten zur alten Kirche zurück. Das geschah im Winter 1583/84, wenige Monate vor seinem Tod.

Man kann das historisch einordnen — Hexenprozesse waren in jenen Jahrzehnten in ganz Europa verbreitet, auf allen Seiten der Konfessionsgrenze, und die Urteile sprach nicht die Kirche, sondern das weltliche Gericht. Aber es bleibt: Derselbe Mann, der in Mailand bei den Pestkranken blieb, hat sieben Jahre später Menschen in einen Prozess getrieben, der elf von ihnen das Leben kostete.

Heilige sind keine fehlerlosen Menschen. Die Kirche spricht heilig, weil ein Leben im Ganzen auf Gott hin gelebt wurde — nicht, weil nichts daran dunkel wäre. Wer das verschweigt, macht aus einem Menschen ein Bild.

Was uns Karl Borromäus heute sagt

Das Bemerkenswerte an der Pestgeschichte ist nicht, dass er mutig war. Es ist, dass er zurückkam.

Er war nicht in der Stadt, als die Pest ausbrach. Er hätte fortbleiben können, mit guten Gründen, und niemand hätte es ihm vorgeworfen. Er ist umgekehrt.

Und er hat nicht nur ausgehalten, sondern nachgedacht: Wenn die Menschen nicht mehr zur Kirche kommen können, dann stellt man die Altäre dorthin, wo die Menschen sind. Das ist keine Heldentat, das ist Sorgfalt.

Vielleicht denken Sie an jemanden, der in einer schweren Zeit bei Ihnen geblieben ist, als andere gegangen sind. Und vielleicht ist es tröstlich, dass ein Heiliger kein makelloser Mensch sein muss, damit das Gute, das er getan hat, wahr bleibt.

Ein Ort für Stille und Gebet zuhause

Die Altäre an den Straßenkreuzungen Mailands waren nichts anderes als das: ein Ort, an dem man beten konnte, dort, wo man gerade war.

Wer sich zu Hause einen solchen Ort einrichten möchte, findet bei uns Kruzifixe und Kreuze sowie Hausaltäre und Triptychen — ein kleines Zeichen an der Wand, eine Kerze davor, mehr braucht es nicht.

Häufige Fragen

Wann ist der Gedenktag des heiligen Karl Borromäus?

Am 4. November. Gestorben ist er am 3. November 1584; der Gedenktag wurde auf den folgenden Tag gelegt.

Wofür ist Karl Borromäus Patron?

Unter anderem für Seelsorger und Seminaristen, für Katecheten sowie — wegen der Pest von 1576 — gegen Seuchen und für die Kranken. Er ist Patron der Erzdiözese Mailand.

Was hat Karl Borromäus in der Pest wirklich getan?

Er kehrte in die verseuchte Stadt zurück, besuchte die Lazarette, organisierte Versorgung und Pflege, ließ Altäre an Straßenkreuzungen aufstellen, damit die Menschen von zu Hause aus mitfeiern konnten, und führte barfüßige Bußprozessionen an.

Was hat er mit dem Konzil von Trient zu tun?

Als Kardinalnepot in Rom half er maßgeblich, das Konzil 1562/63 zum Abschluss zu bringen. Danach setzte er dessen Beschlüsse in Mailand mustergültig um — sein Bistum galt als Vorbild für ganz Europa.

Warum heißt die Statue in Arona Carlone?

Der Name bedeutet schlicht „der große Karl“. Die dreiundzwanzig Meter hohe Kupferstatue über seinem Geburtsort wurde 1624 begonnen, 1697 vollendet und kann innen bestiegen werden.

Gibt es dunkle Seiten in seinem Leben?

Ja. 1583/84 ließ er als päpstlicher Visitator im Misox Angehörige der Reformation der Hexerei anklagen; elf von hundertacht Angeklagten wurden von der weltlichen Obrigkeit verbrannt. Die meisten devotionalen Texte lassen das weg.

Quellen

  • Ökumenisches Heiligenlexikon (heiligenlexikon.de), Artikel Karl Borromäus
  • Erzdiözese Mailand, Angaben zum Bistumspatron
  • Martyrologium Romanum, Eintrag zum 4. November
  • Bibel: Lutherbibel 1912

Zum Weiterlesen

  • Wolfgang von Regensburg — der Bischof, der sein Beil vom Berg warf
  • Allerheiligen und Allerseelen — zwei Tage, zwei Bedeutungen
  • Zacharias und Elisabeth — die Stunde des Weihrauchs

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Vertrag widerrufen